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Mein Studium zur Diakonin

Ich bin derzeit im fünften Semester des Studiengangs "Diakonie im Sozialraum", das ist Soziale Arbeit und Diakonie. Mit Abschluss des Studiums erlange ich eine sogenannte Doppelqualifikation zur staatlich anerkannten Sozialarbeiterin und zur Diakonin. Jetzt erstmal die Frage: 
Was ist überhaupt Diakonie? Was machen DiakonInnen und was unterscheidet sie von SozialarbeiterInnen?
Vielleicht kennt der/die ein oder andere das Unternehmen "Diakonie", welches im sozialen, hauptsächlich im pflegerischen Bereich, tätig ist. Die Mitarbeiter der Diakonie machen zum Beispiel Hausbesuche bei Menschen mit Pflegeanspruch. Das ist ein Bereich der Diakonie, insgesamt ist das alles relativ komplex.
Für das Wort "Diakonie" gibt es 'zig verschiedene Definitionen. Der Wortursprung liegt im Altgriechischen bei dem Wort διακονία, was soviel heißt wie "Diener". Im Allgemeinen ist darunter etwas ähnliches wie Soziale Arbeit im kirchlich-theologischen Kontext zu verstehen. Zum Berufsbild eines Diakonen/einer Diakonin gehören allerdings - anders als beim Sozialarbeiter/bei der Sozialarbeiterin - auch Themenbereiche wie Seelsorge und gottesdienstliches Handeln (Beerdigungen, Trauungen, Taufen, Andachten, etc.). Das ist im Grunde auch schon der entscheidende Unterschied. Als DiakonIn ist man - ähnlich wie als PfarrerIn - immer im Amt. Allerdings kann ich auch ganz privat für mich alleine Diakonin sein und beruflich "nur" als Sozialarbeiterin eingestellt sein. Generell gibt es nur sehr wenig Stellen, die explizit für DiakonInnen ausgeschrieben sind. 


Warum habe ich mich dazu entschieden, zur Sozialen Arbeit noch Diakonie dazu zu studieren?
Ich bin im katholischen Münster aufgewachsen und habe lange Zeit keine Ahnung gehabt, dass es so etwas wie Diakone gibt. Als Kind war ich immer begeistert bei den Kindergottesdiensten dabei und bin gerne zur Jungschargruppe gegangen. Mit 14 Jahren etwa habe ich mich konfirmieren lassen, wobei ich mir zu dem Zeitpunkt über viele Glaubensfragen noch im Unklaren war. Ich habe mir viele Fragen auch gar nicht erst gestellt. In dem Alter ist man, glaube ich, sowieso noch viel mit sich selbst und der Frage "Wo gehöre ich dazu?" beschäftigt. Nach der Konfirmation wurde ich von der Gemeindepädagogin gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ein paar Freundinnen zusammen die Jungschargruppen zu leiten. Ich selber hatte immer großen Spaß daran und habe mich darauf eingelassen. Die Gruppen waren am Anfang relativ gemischt, einige Kinder wurden christlich erzogen, andere nicht. Zum Ende hin wurden die Gruppen hauptsächlich von muslimischen Kindern besucht, was mich vor eine erneute Herausforderung gestellt hat. Diese Arbeit habe ich einige Jahre während meiner Teenager-Zeit gemacht. Als es dann an die Abi-Klausuren ging, habe ich die ehrenamtlichen Tätigkeiten gestrichen und nach dem Abi dann ein FSJ im Kinder- und Jugendbereich angefangen. Das FSJ war unter der Trägerschaft der Stadt Münster, also hatte ich zunächst oberflächlich gar keinen Kontakt zu Religionen. Auch hier haben viele Kinder mit muslimischem Hintergrund das Angebot wahrgenommen. An eine Unterhaltung kann ich mich besonders gut erinnern: Ein etwa achtjähriger Junge hat mich gefragt, weil ich ab und zu meine Konfirmationskette mit einem Kreuz-Anhänger getragen habe, ob ich ihm erklären könnte, wer Jesus war. Das muss so in der Weihnachtszeit gewesen sein. Er kannte nur Mohammad und würde gerne mehr über Jesus wissen wollen. Ich war mir zunächst sehr unsicher, was ich dem Jungen erzählen sollte, da ich von meinem Arbeitgeber keinen Auftrag auf diakonischer Ebene hatte, wollte ihm aber trotzdem eine ehrliche Antwort geben. Also habe ich versucht so neutral wie möglich zu erzählen, an wen die Christen glauben. Nach dem FSJ habe ich eine Zeit lang verschiedene Praktika gemacht und gearbeitet und mich für den Studiengang "Soziale Arbeit" beworben. Bei meiner Recherche nach passenden Hochschulen bin ich auch auf einige evangelische gestoßen. Da ich in meiner praktischen Erfahrung zu dem Zeitpunkt die Erfahrung gemacht habe, dass Religion für viele Menschen eine wichtige Rolle spielt - für mich persönlich war diese Rolle zu dem Zeitpunkt nicht definiert - und weil ich selbst immer viel Spaß am spielerischen Lernen von theologischen Inhalten hatte, habe ich mich bei einigen beworben. 2015 bin ich dann auf die Fachhochschule der Diakonie gestoßen, habe mich mit dem Berufsbild der Diakonin auseinander gesetzt und für mich entschieden, dass es mich sowohl auf persönlicher Ebene, als auch auf professioneller, bereichern kann, diese Doppelqualifikation wahrzunehmen.


Was lernt man im Studium zur Diakonin?
Mein Studium ist quasi in zwei Teile aufgeteilt, die in manchen Bereichen miteinander verbunden sind. Ich bin zur Zeit im fünften von acht Semestern. Am Anfang des Studiums geht es viel um Grundlagen der Sozialen Arbeit, wie Theorien, Geschichte und Methoden. Daraufhin folgen Module wie Recht, Sozialrecht, Ethik und Qualitätsmanagement. Im ersten und letzten Semester gibt es ein Modul, welches sich "Identität und eigene Entwicklung" nennt. In den Seminaren dieses Moduls ging es am Anfang viel um unsere Motivation zum Studium, die Ziele und Wünsche und wie wir uns selbst identifizieren. Am Ende wird es darum gehen, in wiefern sich die Ziele umgesetzt haben und ob sich etwas am Selbstbild verändert hat.
Auf der diakonischen Seite gab es am Anfang "nur" das Modul "Spiritualität, Religion und Religiösität" in welchem wir viel subjektiv erarbeitet haben. Allgemeingültiger war das Modul "Theologie" im dritten und vierten Semester. Im fünften Semester gibt es da Modul "Diakoniewissenschaft im pluralistischen Kontext". Darunter ist die Wissenschaft der Diakonie zu verstehen, wie sie sich in einer multireligiösen Gesellschaft definiert. Wir erarbeiten in diesem Modul aktuelle Forschungsfortschritte, Definitionen und Ursprünge von Handlungsmustern und eignen uns Basiswissen zu verschiedenen Religionen an. Im siebten und achten Semester gibt es drei  sogenannte Wahlpflichtmodule, von denen zwei belegt werden müssen: "Seelsorge", "religiöse Bildung" und "gottesdienstliches Handeln".
Im ganzen Studium sind drei Pflichtpraktika verteilt, die jeweils sechs bis acht Wochen, bzw. dreizehn Wochen dauern.

Und wie werde ich Diakonin?
Das Studium allein reicht nicht, ist allerdings mehr als die halbe Miete. Am Ende des Studiums muss ich mich noch einsegnen lassen. Das kann ich sowohl "frei" machen, also einzeln in einer Gemeinde, oder in einer diakonischen Gemeinschaft. Wichtig zu wissen ist, dass die Voraussetzungen für das Diakonenamt Landeskirchen-abhängig sind. Also sind die Grundlagen, die ich im Studium lerne, zwar ausreichend, um mich bei der evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) einsegnen zu lassen, in Bayern z.B. wäre es allerdings in manchen Bereichen nicht genug. Die FH, an der ich studiere, ist die einzige FH deutschlandweit, die ein solches Studium anbietet. Allerdings heißt das nicht, dass man sonst nirgendwo DiakonIn werden kann. Vor noch gar nicht so langer Zeit war es auch in Bielefeld üblich, die Diakonenausbildung um eine Ausbildung im sozialen Bereich herum zu "bauen". Mit einem Basiskurs ein Jahr vor der sozialen Ausbildung (z.B. Krankenpfleger) und einem Oberkurs ein Jahr danach, wurden ähnliche Kompetenzen vermittelt, wie jetzt in meinem Studium. Diese Form der Diakonenausbildung ist noch in vielen Bildungsstätten gängig. Auf der Internetseite des VEDD (Verband evangelischer Diakonen-, Diakoninnen-, Diakonatsgemeinschaften in Deutschland e.V.)  sind alle Bildungsstätten im Verband aufgezeigt.
Ich hoffe, dass ich dem/der ein oder anderen einen Einblick in das Studium der Diakonie verschaffen konnte. Bei Fragen könnt Ihr gerne einen Kommentar oder eine Mail schreiben.



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