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Wo liegen die Grenzen des diakonischen Handelns?

Für mich stellt sich immer wieder die Frage, in wie weit ich als Diakonin und Sozialarbeiterin in einer Einrichtung nicht-kirchlicher Trägerschaft diakonisch tätig sein kann, soll, muss oder darf. Zu Beginn meines Studiums 2015 habe ich noch in einer städtischen Kinder- und Jugendeinrichtung gearbeitet. Da habe ich ganz klar keinen diakonischen Auftrag meines Arbeitgebers bekommen. Mit dem Gedanken, als Diakonin eingesegnet zu werden und nach meinem Abschluss eventuell "nur" als Sozialarbeiterin angestellt zu werden, entwickelte sich für mich die Problematik, inwiefern mein diakonischer Auftrag in den Auftrag des Staates an SozialarbeiterInnen eingreift. Das Amt der Diakonin ist ein durch die Landeskirche bei der Einsegnung verliehenes Amt, welches ich lebenslänglich haben werde. Ebenso wie das Christsein, ist auch das Diakonenamt etwas, dass mich dauerhaft, ohne Pausen begleitet. Es ist kein Beruf, sondern vielmehr eine Berufung. Ich kann zwar als Diakonin angestellt sein und um 18:00 Uhr Feierabend machen, bin allerdings trotzdem immer im Amt. Anders bei der Sozialarbeiterin: In dieser Rolle bin ich zunächst ausschließlich im Arbeitskontext befugt, sozialarbeiterisch zu handeln. Was ist nun, wenn ich als Sozialarbeiterin angestellt, aber trotzdem 24/7 Diakonin bin?
Um diese Problemstellung zu bearbeiten, muss ich erst einmal versuchen, klar abzugrenzen, was für mich persönlich der Unterschied zwischen dem diakonischen und dem rein sozialarbeiterischen Auftrag ist. Hier liegt die Betonung auf persönlich, da dieser Auftrag nicht allgemein gültig formuliert werden kann. Ich speziell fühle mich aus diesen und jenen Gründen diakonisch berufen, andere DiakonInnen eventuell aus ganz anderen, sehen ihren Auftrag vielleicht sogar in der Mission (also darin, andere Menschen vom christlichen Glauben zu überzeugen). Meine persönliche Motivation entspringt dem Verständnis, dass meine individuelle Aufgabe in der Welt darin liegt, das Miteinander aller Menschen, verschiedener Herkünfte, Religionen, Weltanschauungen, Geschlechter und sonstiger Unterschiedlichkeiten, zu gestalten und einen Dialog - wenn der Kontext es hergibt auch Trialog - zu ermöglichen. Wie sieht das konkret in der Praxis aus? Handele ich nicht vielleicht genau wie jeder/jede nicht christlich motivierte/r SozialarbeiterIn, aber mit einer anderen intrinsischen Motivation?
In einigen Punkten sind die beiden Ämter sicherlich ähnlich, wenn nicht sogar identisch. Darüber hinaus kann ich mich nun fragen, ob sich mein diakonisches Handeln nur auf den Aufruf zur Nächstenliebe und zu den Werken der Barmherzigkeit („Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke besuchen, Gefangene besuchen, Tote bestatten", MT 25) bezieht oder ob ich auch die Geistesanwesenheit Gottes in der Gesellschaft spürbar machen soll.
Darf und kann ich denn in einem vermeintlich säkularen Arbeitsumfeld Spiritualität oder religiöse Werte vermitteln und wie verhält es sich mit der Religionsfreiheit (GG, Art. 4 I, II)? Da prallen zwei Rechtsansprüche aufeinander. Zum einen habe ich als Privatperson ein Recht auf meine religiöse Auslebung, was auch immer dazu gehören mag. Auf der anderen Seite steht das Recht auf religiöse Auslebung meiner KlientInnen. In der Arbeit mit Kindern haben zum Beispiel die Eltern in gewissem Maße das Recht, über die Religiöse Bildung ihrer Kinder in bestimmten Bereichen selbst zu entscheiden (z.B. die Teilnahme am Religionsunterricht) und gegebenenfalls das Nachaußentragen meiner Religion (wäre ich z.B. Schulsozialarbeiterin) im Arbeitskontext einzuschränken (GG, Art. 6 Abs. 2 S. 1). Inwiefern kann ich in meiner Rolle als Sozialarbeiterin in den Rechten, die ich als Privatperson wahrnehmen darf, eingeschränkt werden? Angenommen, der Staat existiere völlig losgelöst von religiösen Werten, wäre es als Repräsentantin, bzw. im Auftrag des Staates nicht angemessen, irgendein religiöses Symbol an mir zu tragen, welches meine eigene Zugehörigkeit kenntlich machen würde.
Allerdings liegt der Ursprung der zwischenmenschlichen Werte und auch der Regeln und Rechte in unserer Gesellschaft in der - nicht zwingend nur, aber in Deutschland hauptsächlich christlichen - Religion. In Einrichtungen, die christliche Wurzeln haben, heute aber in staatlicher Hand sind, wie z.B. einige Krankenhäuser, Schulen oder KiTas, hängen teilweise Kreuze an der Wand, die aus meiner Sicht in einem offiziellen säkularen Staatssystem ebenso die Religionsfreiheit einschränken, wie es in der Rolle als z.B. Schulsozialarbeiterin meine Kreuzkette oder ein Kopftuch tun würde. Daher kann m.E. der Staat, trotz Säkularisierung, nicht völlig religionsfrei agieren.
Schlussfolgernd lässt sich sagen, dass es keine richtige Handlungsrichtlinie gibt, nach der ich mich oder andere christlich motivierte oder doppel-qualifizierte SozialarbeiterInnen sich richten können. Mich wird diese Frage weiterhin beschäftigen und eventuell komme ich einer klarer definierten Antwort im Laufe meines Studiums noch näher. Während eines Praktikums in der Pflegeberatung im letzten Sommer habe ich z.B. Kontakt mit den Angehörigen eines Palliativpatienten gehabt. In diesem Kontext hat meine Praxisanleitung nicht nur fachlich beraten, sondern auch seelsorgerische Beratung angeboten und mit den Angehörigen gebetet. Generell werde ich als Sozialarbeiterin den Auftrag wahrnehmen, den mir mein Arbeitgeber erteilt, auf Anfragen der KlientInnen jedoch gerne diakonisch tätig sein. Meine christlichen Werte sind immer Teil meines Wesens und meiner Haltung, mit der ich Menschen gegenübertrete, daher handele ich auch immer unterschwellig diakonisch. 
Ich besitze als Diakonin und Sozialarbeiterin nicht nur ein Doppelmandat (vgl. v. Spiegel, S. 26 ff.), sprich Auftrag des/der KlientIn und des Arbeitgebers/Staat, sondern vielmehr ein Tripelmandat. Denn als eingesegnete Diakonin habe ich zusätzlich auch den Anspruch, dem gerecht zu werden, was ich vor Gott versprochen habe.
Falls ihr eine bestimmte Meinung zu diesem Thema habt, Fragen oder Kritik, schreibt das gerne in die Kommentare.
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Literatur: 
von Spiegel, H. (2013): Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit (5. Aufl.). München: Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag.

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